Gerhard Klinkicht – eine Entscheidung guten Gewissens

Gerhard Klinkicht – eine Entscheidung guten Gewissens


In der Zeit zwischen 1933 und 1945 haben sehr viele Menschen in Europa sehr schlechte Entscheidungen getroffen. Das wissen wir aus heutiger Sicht der Dinge. Ich möchte nicht urteilen, denn ich denke, niemand kann wissen, wie er oder sie in dieser Zeit gehandelt hätte. Stattdessen möchte ich lieber die Geschichte von einem Mann erzählen, der sich im April 1945 dafür entschieden hat, etwas richtig zu machen.

Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt für die deutschen Truppen längst verloren, doch Adolf Hitler, der im Führerbunker in Berlin saß, wollte dies nicht wahrhaben. Eine Unmenge an Menschenleben wurden unnötig vergeudet. Einige Menschen wollten diesem sinnlosen Krieg vorzeitig ein Ende setzen. Im April 1945 erklommen unbekannte Widerstandskämpfer den Südturm des Stephansdom und hissten eine weiße Flagge als Zeichen der Kapitulation. Es war eine Zeit, zu der sich die deutschen Truppen mit der Roten Armee heftige Gefechte in der Nähe des Schwedenplatzes über den Donaukanal lieferten. Die Nationalsozialisten sprengten alle Brücken über den Donaukanal, um die Russen daran zu hindern diesen zu überschreiten. Schlussendlich sollten auch diese Gefechte für die deutschen Truppen vergeblich sein! In dieser sogenannten Schlacht um Wien, in der die Stadt schlussendlich befreit wurde, verloren rund 80.000 russische Soldaten ihr Leben. Ihnen ist nicht nur das Denkmal am Schwarzenbergplatz gewidmet. Versteckt, hinter der Friedhofskirche auf dem Wiener Zentralfriedhof, ist ein Soldatenfriedhof, wo rund 2.000 dieser russischen Soldaten bestattet liegen.

Die Nachricht von der weißen Fahne auf dem Stephansdom soll jedenfalls sogar Adolf Hitler im Führerbunker erreicht haben. Berichten zufolge soll er außer sich gewesen sein. Ein Befehl wurde erlassen: der wiener Stephansdom soll mir 100 Granaten dem Erdboden gleich gemacht werden… sollte das nicht ausreichen, ist bis zu völligen Zerstörung weiter zu schießen.

Dieser Befehl wurde vom Stadtkommandanten Dietrich an den Wehrmachtshauptmann Gerhard Klinkicht übergeben. Und hier kam es zu seiner Gewissensentscheidung. Er führte den Befehl nicht aus und so blieb der Stephansdom von einer sinnlosen Zerstörung verschont. Doch, was Gerhard Klinkicht da machte, war eigentlich Befehlsverweigerung. Das war Hochverrat! Und darauf stand die Todesstrafe!

Es ist vermutlich den Wirren der letzten Kriegstage zu verdanken, dass Gerhard Klinkicht seine Entscheidung überlebte. Dem Stephansdom blieb er Zeit seines Lebens stets treu und spendete insgesamt rund 150.000 Euro für die Sanierung und den Erhalt unsere Wahrzeichens. Am Fuße des Südturms erinnert eine Inschrift an seine Gewissensentscheidung im April 1945.

Diese und andere Geschichten hören Sie bei meiner Führung “Alles rund um den Stephansdom”.

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